Die Schülerinnen und Schüler der AG „Paris – ein Ort der Erinnerung“ waren im Rahmen des Erasmus-Programms zusammen mit einer Gruppe eines Lycee in Paris auf den Spuren der Shoah unterwegs. Eine schöne, aber zugleich eine bedrückende Fahrt.
Hier könnt ihr Ausschnitte ihrer Berichte lesen.
Unsere Parisfahrt im November
Noch bevor wir in Paris ankamen, hatte unsere Reise bereits begonnen. Schon die Vorbereitung auf unsere Parisfahrt führten uns tief in das Thema der Deportation von Juden während des Zweiten Weltkriegs ein. Wir erfuhren von vielen verschiedenen Geschichten und Schicksalen der Opfer. Zum ersten Mal setzte ich mich intensiv mit der Geschichte meiner eigenen Familie auseinander und begann zu begreifen, was damals geschehen war, wie grausam Menschen handeln können.
Die Reise selbst bot einen starken Kontrast. Im Zug saßen wir in einem geräumigen Abteil, mit bequemen Sitzen. Wir freuten uns und waren aufgeregt auf das, was uns alles in Paris erwarten würde. Doch diesen Komfort hatten die Opfer in den Zügen damals nicht, sie wurden in enge, dunkle Wagons gepfercht, in denen sie stunden- oder tagelang ausharren mussten — ohne zu wissen, wohin die Reise ging. Und ein Gefühl von Freude war bestimmt nicht zu spüren.
In Paris angekommen, wurden wir in einem Hostel im jüdischen Viertel, dem Marais, untergebracht, was uns das Thema nochmal etwas näher brachte. Wir waren alle von den malerischen Straßen, in denen wir alle paar Minuten für ein Foto stoppten, und der wunderschönen Stadt überwältigt. Auch von den Parisern wurden wir mit offenen Armen empfangen und haben uns direkt wohl gefühlt. Doch damals, unter deutscher Besatzung, waren die Straßen gefüllt von erzwungener Leere, die Menschen versuchten sich zu verstecken, um der Deportation zu entgehen. Auch in diesem Viertel herrschte Angst und Schrecken.
Bei unserem ersten Treffen mit den Austauschschülern spielten wir zusammen Spiele und lernten uns kennen — eine bunt gemischte Gruppe mit vielen verschiedenen Kulturen. Es war spannend, Gleichaltrige aus Paris kennen zu lernen. Wir verstanden uns alle super. Doch damals durften jüdischen Kinder nicht mitspielen und wurden ausgegrenzt. Im Foyer der Schule fiel mein Blick auf zwei Gedenktafel, die an zwei Lehrerinnen der Schule erinnern, die in Ravensbrück ums Laben kamen- ein Lager, in dem viele Frauen inhaftiert wurden, die im Widerstand waren, wie mir meine Lehrerin erklärte.
Bei unserem zweiten Treffen schauten wir alle zusammen den Film „Les Filles de Birkenau“ in einem kleinen Autorenkino um die Ecke an. Dieser Film erzählt die erschütternden Geschichten dreier Frauen, die die Konzentrationslager überlebt hatten. Es war beeindruckend, wie stark ihre Erinnerungen von Emotionen geprägt waren – sie erinnerten sich oft besser an ihre Gefühle, wie dem der Erniedrigung, als an die genauen Ereignisse. Der Regisseur, David Teboul, erklärte, dass viele Überlebende Teile ihrer Erlebnisse verdrängt hätten, weil diese einfach zu grausam waren, um sich daran zu erinnern.
Die Ausstellung persönlicher Gegenstände und Dokumente der Opfer im jüdischen Museum machten das Ausmaß der damaligen Ereignisse greifbar. Auch die Besichtigung des Mémorial des Martyrs de la Déportation führte uns mit ihrer ausdrucksstarken Architektur die Grausamkeit von damals vor Augen. Ich fühlte mich wie gefangen. Doch damals war das nicht nur ein Gefühl, es war für Millionen Menschen bittere Realität.
Bei der Besichtigung von den beeindruckenden Wahrzeichen, für die auch noch ein wenig Zeit blieb, fragte ich mich immer wieder: Sind wir die einzigen die sich damit auseinandersetzen? Wissen die die Menschen um uns herum überhaupt, was damals in Paris geschehen ist?
Diese Reise hat die Wichtigkeit unser Erinnerungskultur klargemacht. Die Beschäftigung mit diesem Thema ist nicht nur eine Verpflichtung gegenüber den Opfern, sondern auch eine Mahnung an uns alle, solche Grausamkeiten nie wieder zuzulassen.
Die Zeit in Paris war eine intensive Erfahrung, mit vielen Eindrücken, und auch neuen Freundschaften. Ich bin nicht nur mit Erinnerungen an eine wunderschöne Stadt, sondern auch mit einem tieferen Verständnis für die Bedeutung von Menschlichkeit zurückgekommen.
Clara, Klasse 10
Memorial de la Shoah
Unser Ausflug nach Paris war wunderschön und gleichzeitig sehr emotional. Die Stadt mit ihren berühmten Sehenswürdigkeiten, gemütlichen Cafés und malerischen Straßen hat uns begeistert. Doch der Besuch im Mémorial de la Shoah, war etwas ganz Besonderes.
Dort haben wir viel über die Schicksale der Opfer erfahren. Die Bilder, Geschichten und Namen der Menschen, die an den Wänden standen, haben uns tief bewegt. Es war unvorstellbar, wie sie unter solchen Bedingungen leben mussten. Der Besuch hat uns zum Nachdenken gebracht und gezeigt, wie wichtig es ist, diese Geschichte nicht zu vergessen. Für mich war es eine sehr emotionale Erfahrung und als wir durch dieses und andere Museen gelaufen sind habe ich mir nur denken können wofür diese Menschen dieses Schicksal verdient haben.
Nach diesen bewegenden Momenten tat es gut, die Stadt weiter zu erkunden. Es war ein Ausflug voller Eindrücke, der uns noch lange im Kopf bleiben wird.
Melina, K1
Kontrast
Am letzten Tag fuhren wir ins 1. Arrondissement. Das war ein ganz anderes Paris und ein neues Gefühl. Einerseits fühlte man sich sicher und wohl, andererseits jedoch komplett mies und falsch: überall dicke Pelzmäntel, riesige Einkaufstüten, fette Karren und teure Gespräche. Es war seltsam zu wissen, dass gefühlt jeder zweite Mensch dort reicher war als unsere ganzen Familien kombiniert. Ein harter Kontrast zu den ärmeren Vierteln der Stadt. Die einen leben im gewaltigen Überfluss, die anderen auf der Straße.
Doch auch der Tag war schön, denn wir besuchten tolle Parfümerien und zufälligerweise hat dort genau an dem Tag der erste Weihnachtsmarkt seine Türen geöffnet im Jardin des Tuileries. Wir haben ein Fahrgeschäft getestet und saßen dann 10 Minuten in 30 Metern Höhe fest doch auch das war lustig.
Dann begaben wir uns in Richtung Louvre und waren erst erschrocken von der gewaltigen Schlange. Doch nach 5 Minuten waren wir drinnen. Die ganzen Menschen haben das impressionante 7x10m Gemälde die Hochzeit zu Kana gegenüber von der Mona Lisa gar nicht beachtet, Schade eigentlich.
Felix, Klasse 10
Paris im Schatten der Erinnerung
Paris – die Stadt der Liebe. So wird Paris doch genannt, nicht? Während meiner kurzen Reise in die Hauptstadt Frankreichs habe ich jedoch weitaus mehr Facetten als die „romantische“ Seite von Paris kennengelernt. Direkt am ersten Tag fiel mir auf, wie sehr mich die französische Art begeistert: der Klang der Sprache, der Charme der Menschen, die faszinierenden Bauwerke. Ich stand vor dem Eiffelturm, ich war im Louvre, auch vor der berühmten Notre-Dame bin ich gewesen. Und doch sind es nicht das, was mir am meisten im Gedächtnis geblieben sind. Unsere kurze Reise war keine Reise des Vergnügens, sondern eine der Erinnerung. Besonders ein, bzw. zwei Opfer, brachten mich zum Nachdenken. Ich beschäftigte mich vor der Reise mit der Geschichte von Eva und Miriam Mozes Kor, einer erschütternden Biographie von Zwillingen, die mich zutiefst berührte.
Da ich selbst ein Zwilling bin, konnte ich auf noch innigere Weise mitfühlen und musste mich immer wieder fragen: „Was wäre, wenn mir dasselbe passieren würde? Was wäre, wenn an Stelle von Eva und Miriam ich und meine Schwester das Unbeschreibliche erleben müssten?“ Ich versuche es mir vorzustellen, aber schon das ist fast zu viel, zu grausam, zu erdrückend. Und ich frage mich: Wie konnten Menschen, Kinder, Jugendliche wie ich, etwas aushalten und überleben, wozu mir selbst zum einfachen Vorstellen die Kraft fehlt? Woher nahmen diese Menschen in ihrer trostlosen Welt voller Kälte, Hass und Terror ihren unerschütterlichen Lebenswillen, für den so viele manchmal kämpfen müssen, obwohl sie sich doch an einem Zuhause, Sicherheit und einer Familie erfreuen dürfen? Das ist allerdings nicht die einzige Frage, die mich beschäftigte (und immer noch beschäftigt). Bei dem Lesen der Biographie machte besonders das Nachwort Evas Eindruck auf mich. Hier wies sie nämlich auf Vergebung hin, die für sie eine große Rolle spielte. Eva verzieh ihren Peinigern, sogar dem Todesengel Josef Mengele, wodurch sie sich zum ersten Mal befreit fühlte, nicht mehr wie „eine Gefangene Ausschwitzs“ zu sein. Sie merkt auch an, dass „Vergebung mehr dem Opfer als dem Täter diene“. Diese Stellungnahme brachte mich zum Nachdenken. Haben wirklich alle Täter, egal wie grausam und unmenschlich, Vergebung verdient? Kann ein Mensch überhaupt von sich aus entscheiden, ob er vergibt oder nicht? Und, hätte ich vergeben können? Ich weiß es nicht. Es sind viele Fragen, die mich verfolgen, aber auch ganz besonders die Erinnerung an einen speziellen Ort. Ich erinnere mich nämlich noch lebhaft an unseren Besuch in dem „Mémorial de la Shoa“. Es gab einen Ort mit Mauern, auf denen Opfer des Holocausts verzeichnet waren. Als ich über einen der Wege ging, links und rechts umgeben von jeweils einer Mauer, war ich überwältigt von der unfassbaren Menge der Namen. Es waren Namen von Kindern, von Jugendlichen, von Erwachsenen, von Großeltern. Namen von Menschen, die sich ein anderes Leben verdient hätten. Namen von Personen, die es verdient hätten, wie Menschen zu leben: zu lieben, zu feiern, sich zu freuen, Akzeptanz zu erfahren. Stattdessen mussten sie leiden und sterben. Sie mussten Qual miterleben und selbst erfahren. Sie wurden behandelt wie Tiere, oder eigentlich schlimmer noch: Ungeziefer, Parasiten. Nicht einmal einen Namen hatten sie sich verdient. Eine wertlose, nichtssagende Nummer ist ihnen geblieben. Und als ich diese Namen sah, von Menschen, die nicht einmal das Recht auf einen eigenen Namen hatten, deren höchstes Privileg wöchentliches Duschen war, so hallten in meinem Kopf die Worte aus Claras Präsentation wider: „[sie wurden bezeichnet als] ein Nichts, weil ein Niemand schon zu viel sei.“ Auch als ich einen weiteren Raum im Mémorial betrat, ausgefüllt mit den Fotos von Kindern und jugendlichen Opfern des Holocausts, waren es diese Worte, die mich begleiteten. Und wieder taucht der Gedanke auf, der mich während meiner gesamten Reise nach Paris begleitet hat: Was wäre, wenn ich zu diesem Zeitpunkt gelebt hätte? Plötzlich stelle ich mir mein Bild vor, neben all den anderen Fotos. Und erneut frage ich mich: „Warum darf ich hier stehen, leben und glücklich sein, aber diese Millionen von Menschen nicht?“ Ist es Zufall? Ist es bloß Glück? Oder vielleicht Schicksal? Ich habe keine Antwort darauf. Das Einzige, das ich wusste, als ich in diesem Raum stand und die Bilder betrachtete, war folgendes: Ich schaute in die Augen von Unschuldigen. Von hilflosen Kindern, die keine Wahl hatten, von Jugendlichen, deren Leben zu schnell vergangen war, von Menschen, deren einziges Verbrechen ihre bloße Existenz war
Valeria, Klasse 10
Die Schönheit der Vielfalt
Die 4 Tage in Paris waren unvergesslich und es gab viele Momente, die mir wahrscheinlich mein ganzes Leben in Erinnerung bleiben werden. Die Stadt Paris ist an sich schon sehr imposant mit ihrer Geschichte und den vielen Sehenswürdigkeiten. Ich fand jedoch vor allem die Leute dort ansprechend. Die Musikanten auf der Straße haben einem das Gefühl gegeben, als wäre man in einem Film mit Begleitmusik und ließen alles nochmal romantischer erscheinen.
Als wir an einem Nachmittag durch die Straßen gelaufen sind, ist mir durch die verschiedenen Styles und einfach durch die vielen Menschen in den Sinn gekommen, dass alle Menschen hier eine eigene Geschichte haben, in der sie die Hauptrolle sind und dass sie in diesem Moment, als ich das dachte alle eines verbindet, nämlich dass sie sich, ob sie nun hier wohnen oder Touristen sind, sich in Paris befinden und all die Eindrücke, die ich in dem Moment wahrnehme, auch wahrnehmen.
Die Zeit in Paris hat mich jedoch auch sehr nachdenklich gemacht. Zum einen hat es mich die Anonymität der Menschen zum Nachdenken gebracht.
Zum anderen war es unser Thema, mit dem wir uns beschäftigt haben, ganz besonders die Wand mit Namen hat mich sehr bewegt. Es hat mich darüber nachdenken lassen, dass jeder dieser Menschen ein Mensch mit Persönlichkeit und Namen war und an einem Punkt plötzlich zu nichts weiter als eine Nummer wurde und wie unglaublich schlimm das eigentlich ist. Viele Menschen reden sehr unbeschwert manchmal sogar scherzhaft über die Nazi Zeit, aber seit Paris war, bin ich der Überzeugung, dass diese
Leute entweder nicht verstanden haben, wie unglaublich menschenverachtend die Dinge, die in dieser Zeit geschahen waren oder sie wollen es einfach nicht verstehen. Es hat mich auch sehr getroffen, wie leichtfertig die Frauen in dem Film „Les filles de Birkenau“ teilweise über ihre Zeit im Lager reden konnten. Wie Menschen solche furchtbaren Erlebnisse durchstehen und danach weiterleben konnten, fasziniert mich.
Naomi, Klasse 10
Andenken, Gedenken, Nachdenken
Zwischen dem Andenken, dem Gedenken, dem Nachdenken über und an die dunkelste Zeit jüdischen Volkes und der Trauer, der Angst, um die palästinensischen, libanesischen und israelischen Menschen gab mir Paris viele Eindrücke.
Diese Paris-Reise gab mir das Selbstvertrauen mich auszusprechen. Die Verbindung, die ich mit dem Regisseur des Films, den wir in Paris gesehen haben, hatte, bedeutet mir bis zum jetzigen Zeitpunkt sehr viel. Ich konnte ein Detail seines Filmes für mich berührend deuten und konnte ihm seinen Film auf eine Weise zeigen, die ihm eventuell nicht bekannt war. Ich war ein ebenbürtiger Mensch, plötzlich waren wir auf einer Ebene. Keine Unterschiede durch Alter, Hintergründe, Sprache. Nur verbunden durch die Liebe zum Film und zum Detail. Der Liebe zur Emotion und zur Sensibilität. Die Liebe zur Menschheit und zur Menschlichkeit. Der Liebe zur Liebe und zur Wärme. Dies war einer der Momente, der mir bis heute zu denken gibt. Einer meiner schönsten Erinnerungen an Paris, die ich jedoch niemals aussprechen und somit verlieren darf.
Die Schönheit des Eiffelturms, der Champs-Élysées, die Höhe des Arc de Triomphe, welchen ich bestieg und sogleich meine Höhenangst realisierte, und die ungeahnte Größe des Louvre, die Ansammlung von Kunst, die in einer Lebenszeit nicht zu verstehen oder gar zu deuten ist, waren ein paar der Eindrücke.
Mit den Verbrechen gegen die Menschheit und Menschlichkeit, sowohl damals, als auch heute, im Hinterkopf hielt ich bei einer Bettlerin inne und gab ihr mein Baguette. So schön Paris ist, so hässlich kann es auch an manchen Stellen sein. So ließ ich keinen Moment verstreichen, ohne meine Liebe und Wärme mitzuteilen.
Die Stadt der Künste und der Schönheit hinterlässt in mir den Wunsch des Wiedersehens. Es entstand ein Traum, der mich und die Kunst in Paris darstellte. Ich konnte die Stadt der größten Designer, Maler, Zeichner, Schauspieler, Regisseure und Musiker kennenlernen, wofür ich sehr dankbar bin. Ich habe dort ein neuen Optimismus und mehr Selbstvertrauen gewonnen mit einem Verständnis des „bigger picture“, das die Schule leider viel zu selten durchscheinen lässt.
Leonhard, Klasse 10


