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Wozu Lektüren lesen? Scheffelpreis-Rede von Julien Feurer anlässlich des Abiballs 2017

Unser ehemaliger Schülersprecher und diesjähriger Träger des Scheffelpreises hielt beim Abiball 2017 eine Rede zur Frage, warum man im Deutschunterricht die vorgegebenen Lektüren liest – und bisweilen mit ihnen kämpft. Bei vielen Anwesenden stieß die Rede auf große positive Resonanz, so dass wir sie gerne hier veröffentlichen.

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Liebe Mitschülerinnen und Mitschüler,
Liebe Lehrerinnen und Lehrer,
Liebe Eltern und Gäste!

Ich möchte mich zunächst bei Frau Naghiu bedanken, die mich für diesen Preis vorgeschlagen hat und der ich es damit auch zu verdanken habe, jetzt diese Rede halten „zu dürfen“. Im Internet kann man im Zusammenhang mit der Scheffelpreisrede einige – ja fast schon – Hilferufe von Schülern finden, die Rat suchen, was man denn da jetzt reden soll. Der Preis zeichne doch eigentlich die vor allem ja schriftlichen Leistungen im Fach Deutsch aus und auf einmal solle man als Dank nicht schreiben, sondern eine Rede halten. Darauf sind wir doch überhaupt nicht vorbereitet worden!

Stattdessen lesen wir Kurzgeschichten, Gedichte und Lektüren, schreiben unendlich viele und viel zu lange Interpretationen über Textstellen wie diese aus einer unserer Pflichtlektüren „Dantons Tod“:

„Nein, höre! Die Leute sagen im Grab sei Ruhe und Grab und Ruhe seien eins.
Wenn das ist, lieg’ ich in deinem Schoß schon unter der Erde.
Du süßes Grab, deine Lippen sind Totenglocken,
deine Stimme ist mein Grabgeläute,
deine Brust mein Grabhügel
und dein Herz mein Sarg.“

Manche von uns Abiturienten werden sich jetzt denken „Zum Glück ist das vorbei“, „Zum Glück nie wieder ein Satz aus Agnes, Homo Faber oder eben Dantons Tod“.
Und unsere Helfer aus der KS1, die dieses Buch soweit ich weiß noch nicht gelesen haben, werden sich an dieser Stelle vielleicht fragen: „Muss man das Buch im Abi nehmen oder lässt sich das vermeiden?“

„deine Stimme ist mein Grabgeläute,
deine Brust mein Grabhügel“

Ich erspare uns allen jetzt eine ausführliche Interpretation, aber Sie werden sich gut vorstellen können, dass Textstellen wie diese oft eine verzweifelte Frage in unsere Köpfe gebracht hat: Die Frage nach dem Warum.

  • Warum schreibt der Georg so etwas?
  • Warum ist ihre Brust auf einmal sein Grabhügel?
  • Und überhaupt: Warum muss ich dieses Buch lesen?

Hätten wir in Deutsch doch besser Reden-halten geübt, dann wäre jedem von uns heute Abend ein bisschen mehr geholfen gewesen…

Wozu also ein Fach, in dem mir der Lehrer sagt, es gäbe kein richtig und falsch – ich aber laut der erhaltenden Note doch einiges offensichtlich nicht richtig gemacht habe… Anders als in Naturwissenschaften wie Chemie oder Mathe, wo es sich ganz eindeutig sagen lässt, ob meine Antwort richtig ist oder eben nicht.

Warum also das Fach Deutsch?

Weil sich das Leben, auf das die Schule uns vorbereiten will, nicht allein mit Mathematik lösen lässt.

  • Wenn wir Streit mit Freunden haben, dann ist das keine rein biologische Problematik, sondern eine, die Perspektivwechsel und Empathie von uns verlangt.
  • Wenn ein Donald Trump meint, ausschließlich für sein Land sorgen zu müssen und Klimaabkommen kündigen zu können, dann ist das keine mathematische Problematik, sondern eine, die Urteilsvermögen und Weitsicht von uns verlangt.
  • Wenn mehr und mehr Menschen und Parteien glauben, Fremdenhass, Rassismus und der Bau von Mauern sei die richtige Antwort auf flüchtende Menschen, die ihr Zuhause durch Krieg und Verfolgung verloren haben, dann ist das keine physikalische Problematik, sondern eine, die genaue Analyse und Differenzierung von uns verlangt.

Perspektivwechsel, Empathie, Urteilsvermögen, Analyse und Differenzierung…

Diese Schlagwörter werden sicher jeden von uns irgendwie doch an den Deutsch-Unterricht erinnern. Sich in Charaktere einfühlen, deren komplexes Verhalten und verwirrende Aussagen ganz genau zu analysieren, zu interpretieren und schließlich zu bewerten – damit haben wir uns die letzten 8 Jahre doch tatsächlich sehr, sehr ausführlich beschäftigt. Ich erinnere nochmal an:

„deine Stimme ist mein Grabgeläute,
deine Brust mein Grabhügel“

  • Wir haben erkannt, dass scheinbare Kleinigkeiten erhebliche Bedeutungen und Auswirkungen auf das Große und Ganze haben können.
  • Wir haben gelernt, Abstraktes, Metaphorisches und Symbolisches zu verstehen und auf alltägliche Basis herunter zu brechen.
  • Und wir haben erkannt, dass scheinbar einfache Wege, die von Protagonisten gewählt werden, oft nicht zu Ende gedacht sind und zum Scheitern führen.
    Scheinbar einfache Wege und Lösungen wie das Kündigen von Klimaabkommen, das Bauen von Mauern oder das Vertreiben von Flüchtlingen. Wege, die kurzfristig vielleicht eine „Lösung“ darstellen, langfristig jedoch wenig verbessern.

Daher geht es im Fach Deutsch insgesamt vielleicht weniger um den Inhalt, weniger darum, sich in 10 Jahren noch an den Handlungsverlauf unserer drei Pflichtlektüren zu erinnern, sondern vielmehr darum, diese Methodik von nun an anwenden zu können.

Arbeitsaufträge wie…

„Interpretieren Sie die Textstelle im Kontext der vorangegangen Handlung und vergleichen Sie das Selbstbild von George Danton und Walter Faber“

… werden uns in Zukunft wohl nicht mehr begegnen. Das Selbstbild und Weltbild der Protagonisten wird von nun an egal sein, wichtig hingegen wird das von uns.

Während wir Abiturienten heute wohl alle das letzte Mal an einem Ort versammelt sind und das Kapitel „Schule“ in unserem Leben endgültig seinen Schluss gefunden hat, beginnt gleichzeitig ein neues Kapitel, für das sich bei jeden einzelnen die Frage stellt, welchen Weg er oder sie wählt und wo wir einen Platz in der Welt der vielen Möglichkeiten außerhalb der Schule finden wollen.

  • Lasst uns dabei stets versuchen, nicht die scheinbar einfachen und gemütlichen Wege zu suchen, sondern die, die für uns und andere am besten sind.
  • Lasst uns versuchen, nicht dem zu folgen, was andere für richtig halten, sondern dem, was unserem Selbst- und Weltbild entspricht.
  • Und lasst uns dann in einigen Jahren zurückblicken und hoffentlich die Erkenntnis gewinnen, dass dieses zugänglichere Zitat aus Peter Stamms Agnes zutrifft:

„Glück malt man mit Punkten, Unglück mit Strichen.
Du musst, wenn du unser Glück beschreiben willst, ganz viele kleine Punkte machen.
Und dass es Glück war, wird man erst aus Distanz sehen.“